Wer Monate oder Jahre am Schreibtisch gesessen und geschrieben, gelacht und geweint hat, kennt das Gefühl nur zu gut: wenn das fertige Buch – das Autorenexemplar – vom Verlag geschickt wird oder endlich auf einer der vielen Plattformen online und zum Download bereitsteht. Für viele geht damit ein persönlicher Traum in Erfüllung. Aus eigener Erfahrung in diversen Verlagen und auch als verantwortlicher Verleger weiß ich, dass dies ein wunderbarer Moment ist, der auch im Verlag so magisch empfunden wird. Denn meistens sind dem fertigen Buch unendliche Abstimmungs- und Korrekturrunden vorausgegangen. Von der Idee bis zum fertigen, gedruckten Buch sind manchmal Jahre vergangen.

Autor/innen sind für das Marketing (mit)verantwortlich

Aber gerade bei Verlagsautoren folgt häufig die Ernüchterung beim Blick in die Verlagsvorschau. Denn wenn das eigene Buch auf Seite 43, links und nur auf einer Seite dargestellt wird, dann ist damit eins deutlich: dieses Buch ist nicht der Marketingschwerpunkt des Verlages. Und es ist auch kein Presseschwerpunkt. Marketing und PR beschränken sich auf diese eine Seite und die Erwartung des Verlages an den Erfolg des Buches ist überschaubar. Natürlich ist die Hoffnung vorhanden, dass der Inhalt der Bücher die Buchhändler und auch die Leser überzeugen wird. Aber Marketinggelder sind im Verlag begrenzt und daher ist es normal, wenn ca. 90% der Bücher sich mit der einen Seite (manchmal sogar weniger) in der Vorschau begnügen müssen.

Und genau hier sind die Autor/innen gefragt, denn zum Autor/innenleben gehört das Schreiben ebenso wie das Vermarkten. Wie es um das Vermarkten und die Reichweite eines Autors bestellt ist, versuchen viele Verlage aus den Social Media Kennzahlen von Autor/innen abzulesen. Auch wenn dies nicht immer aussagekräftig ist, zeigt es doch, wie groß die Affinität zum Marketing ist, beziehungsweise wie mit dem Thema Öffentlichkeit umgegangen wird. Im Idealfall ist aus Verlagssicht sogar eine Vernetzung mit der potenziellen Zielgruppe schon erfolgt und damit die mediale Reichweite bei Erscheinen eines Buches im Ansatz vorhanden. Etwas worauf der Verlag aufbauen kann.

Neben der Reichweite im Social Media Bereich sind gerade die klassischen Lesungen und Auftritte für Autor/innen von unschätzbarem Wert. Sie erfüllen zwei Zwecke, die man nicht außer Acht lassen sollte.

Honorare durch Lesungen

Zum einen bieten Lesungen die Möglichkeit das schmale Verlagshonorar kontinuierlich aufzubessern. Wer sich einmal in den Kopf gesetzt hat, vom Schreiben leben zu wollen, kommt daher kaum an Lesungen vorbei. Es sei denn, man hat gleich einen Bestseller mit sechsstelligen Verkaufszahlen herausgebracht.

Wichtig ist es ein Honorar für die Lesung zu verhandeln. Sätze wie: „Aber das ist doch Marketing für ihr Buch!“, sollte man selbstbewusst beantworten, denn schließlich ist jede Veranstaltung eines Autors auch eine Kundenbindungsmaßnahme für die Buchhandlung sowie eine Marketingveranstaltung für den herausgebenden Verlag. Leistung und Gegenleistung sollten schon in einem gesunden Verhältnis stehen, ein Honorar ist deshalb vollkommen angemessen. Natürlich wird es anfangs eher eine Anerkennung sein und die Kosten gerade eben decken, aber mit der Zeit wird das Honorar steigen. Wer also vom Schreiben leben will, für den kann daher das Lesungshonorar einen Teil dazu beitragen. Es gibt viele Autor/innen die gerade hiermit wesentlich mehr verdienen, als mit den Verlagshonoraren und dem Verkauf ihrer Bücher.

Kontakt zur Zielgruppe bei Lesungen

Lesungen bieten aber noch einen Vorteil, den man nicht unterschätzen sollte: Sie sind eine gute Möglichkeit mit den Leserinnerinnen und Lesern, also der eigenen Zielgruppe, direkt in Kontakt und ins Gespräch zu kommen. Für viele Autor/innen ein unterschätzter Vorteil, sind sie doch damit direkt an den Lesern dran, ganz im Gegensatz zu den Verlagen. Feedback zum eigenen Buch ist nicht immer nur positiv, aber gerade hier lässt sich herausfinden, was dem Leser gefallen oder auch nicht gefallen hat. Was man dann daraus macht, bleibt einem schließlich immer noch selbst überlassen.

Aber es hilft auch, dies mit dem Verlag zu teilen und gemeinsam mit dem Lektorat zu überlegen, welche Schlüsse man daraus zieht. Gerade im Ratgeber- oder Sachbuchsegment kann man aus dem Feedback bei Lesungen Ideen für neue Projekte entwickeln. Oft ergibt sich gerade in der Diskussion im Anschluss an die Lesung ein munterer Dialog, der Aspekte ans Licht bringt, die die Leser gerne zusätzlich in dem Buch gehabt hätten. Diese Anregungen sollte man unbedingt mitnehmen und überlegen, ob sich daraus etwas Neues entwickeln lässt.

Wer also noch nie über das Thema Lesungen nachgedacht hat, sollte sich ernsthaft Gedanken machen, ob es den Versuch nicht wert ist.

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