via @Schreibwahnsinn

Serials scheinen der neue aufkommende Trend am Buchmarkthimmel zu sein. Woher ich das weiß? Mit »Royal Me« schreibe ich selber an einem und ich habe lange hin und her überlegt, ob ich den Schritt wirklich gehen soll oder nicht. Leider genießt dieses Format hierzulande noch nicht denselben beliebten Standard, wie zum Beispiel in den USA. Doch bevor wir uns – ganz im Rory Gilmore-Stil – eine Pro und Kontra Liste erstellen, sollten wir erst einmal vielleicht klären, was dieses Serial überhaupt ist und was es kann.

Das Serial

Im deutschsprachigen Raum auch Serie genannt, bestehen Serials im Gegensatz zu Einzelbänden, Dilogien usw. aus eher kürzeren Büchern, die – in meist monatlichen – Abständen regelmäßig veröffentlicht werden. Eine genaue Längenvorgabe gibt es hierbei übrigens nicht. Manche Autoren schreiben Bände, die jeweils nur 60 Seiten haben, andere benötigen 180 dafür. Besonderes Merkmal ist und bleibt jedoch, dass sie einzeln betrachtet nicht so umfangreich sind, wie z. B. der erste Teil einer Trilogie.

Die Episode

»Aber das ist doch eine Kurzgeschichte!« – wird jetzt so manch einer von euch denken. Nein, definitiv nicht! Eine Kurzgeschichte hat einen für sich abgeschlossenen Handlungsbogen. Die Bände einer Serie heißen hierzulande oft Episode und funktionieren dabei wie die Folgen einer TV Show. Man hat einen

übergeordneten Plot (zum Beispiel X wird in der ersten Folge eurer Lieblingsserie entführt und muss bis zum Ende der Staffel von Z gerettet werden) sowie

zahlreiche Subplots (X und Y verlieben sich, sie müssen das Monster of the Week jagen etc.), die einen zum Ende des Buches führen.

Innerhalb der Episode gibt es, wie in jedem normalen Buch eigentlich auch, einen Beginn (die steigende Handlung), einen spannenden Höhepunkt und ein ausklingendes Ende (fallende Handlung) mit einem Cliffhanger, der Lust auf die folgenden Teile macht. Der Unterschied ist nur: man hat deutlich weniger Seiten zur Verfügung.

Die Staffel

Die meisten Autoren (so auch ich) fühlen sich wohl in ihrer geschaffenen Welt. Wir möchten sie ungerne verlassen, immerhin gibt es zahlreiche Geschichten, die noch erzählt werden wollen. Das ist bei Serials nicht anders. Ist ein Handlungsbogen durch mehrere Episoden abgeschlossen, kann es das Ende der Serie sein, oder eben – ganz, wie das Fernsehvorbild – in eine weitere Staffel mit neuen Folgen gehen. Dabei wird der Handlungsbogen dann entweder fortgeführt oder es hat sich ein neuer ergeben.

Und für alle, die gerade nicht mehr durchblicken, habe ich mal eine kleine Grafik gebastelt, die hoffentlich ein wenig mehr Einsicht liefert.

Ist es nicht eine tolle Möglichkeit? Ewig in der eigenen wundervollen Buchwelt werkeln, entdecken, verlieben und zerstören? Absolut, ja! Trotzdem kommt dieses Format mit ein paar Vorurteilen, die jeder Autor eines Serials kennen wird und mit denen du rechnen musst, bevor du dich in die Arbeit stürzt.

Die Vorurteile

»Da fehlt mir die Tiefe in den Figuren!« / »Das ist mir zu wenig Handlung!«

Das ist wohl eines der größten Vorurteile, das mir gerade dann begegnet, wenn der Leser mit dem Serial-Format nichts anfangen kann bzw. nicht weiß, was ihn erwartet. Dagegen kann man als Autor eigentlich nicht viel machen, außer (so wie ich jetzt) alles dafür zu tun, aufzuklären.

Ja, es ist kaum möglich, in einer Episode mit 100 Seiten den Tiefgang so auszubauen, wie auf 350 Seiten. Das ist einfach nicht möglich. Müssen die Autoren aber auch gar nicht, denn sie haben fünf, zehn, manche sogar zwanzig Episoden Zeit, die Figuren sowie Handlungen reifen und wachsen zu lassen. Es ist gar nicht das Ziel, eine vollwertige Einzelbandlänge mitsamt seinen Hochs und Tiefs und Charakterentwicklungen in einen Teil zu quetschen.

»Ich war viel zu schnell durch!«

Glaub ich gerne. Aber sieh es positiv: du konntest bequem für zwei, drei Stunden eine Auszeit von der Realität nehmen und ein paar neue Figuren und Welten kennenlernen, ohne dich für die nächsten Tage / Woche / Monate für einen Riesenschmöker, der dir am Ende vielleicht auch gar nicht gefallen hat, zu verpflichten. Serials lassen sich nämlich perfekt zwischendurch lesen, wenn man einfach mal für eine kurze Zeit tolles Lesevergnügen haben möchte.

»Für die Länge viel zu teuer!«

Die meisten Episoden eines Serials fangen bei 0,99 € an und gehen bis ungefähr 2,99 €. Die Preisfrage war für mich nahezu die schwierigste und ich habe sie nicht nur mir, sondern auch meinen Betalesern gestellt. Nachdem sie »Royal Me – The Masquerade« mit seinen 114 eBook-Seiten durchgelesen hatten, sollte mir jeder sagen, was ihnen das Buch wert wäre. Heraus kam ein ungefährer Durchschnitt von 1,99 €, was mich ungemein beruhigte. Trotzdem entschied ich mich dazu, mein eBook für 1,49 € zu verkaufen, da ich ein schlechtes Gewissen hatte. Immerhin gibt es richtig dicke Bücher auf dem Markt, die ebenfalls fast zwei Euro kosten und deutlich mehr Inhalt bieten.

Grundsätzlich ist dieses Problem ein selbst gemachtes. Indem eBooks immer billiger angeboten werden, bleibt Serial-Autoren mit der Kürze ihrer Bücher gar nicht viel mehr übrig, als den untersten Preis zu nehmen, der möglich ist. Man verramscht sein kostbares Werk für 0,99 €, weil die Leser es sonst – im Vergleich – zu teuer finden. Dabei haben Serial-Autoren genau denselben Aufwand. Hinzu kommt der Stress und Druck, monatlich veröffentlichen zu müssen, und die Ausgaben sind, wenn man ein paar Episoden zusammenrechnet, sogar größer. Jeder Teil braucht sein eigenes Lektorat/Korrektorat, ein Cover für das eBook und ggf. Print, vielleicht auch noch Buchsatz und natürlich nicht zu vergessen Marketinginvestitionen. Hinzu kommen die Stunden, die man geschrieben und überarbeitet hat, in denen Leute ohne Aufwandsentschädigung (aka die tollen Betaleser) den Text mitgeschliffen haben und anfallende Kosten für Strom, Miete, Versicherungen und so weiter.

Diese Sachen fallen bei wirklich. Jeder. Episode. An. Dafür könnt ihr euch aber sehr lange in eine tolle Welt einlesen, in der nicht nach einem oder zwei Büchern schon Schluss ist.

»Ach, von wegen Stress und so! Das ist doch voll easypeasy. Ich habe mit meinem Buch, dass 120.000 Wörter hat, viel mehr Aufwand!«

Ich gehe jetzt einmal ganz frech von meinem Serial aus. Die Episoden haben im Schnitt 25.000 bis 30.000 Wörter. Eine Staffel besitzt in meinem Fall fünf Folgen. Das wären also, zusammengerechnet, 125.000 bis 150.000 Wörter, die ich theoretisch in fünf Monaten veröffentlichen würde. Für manche Autoren sind das vielleicht Peanuts, aber der durchschnittliche nicht-professionelle Autor braucht für solche Mengen oft ein Jahr oder mehr. Und das ist jetzt nur meine Rechnung für die Art, wie ich das handhabe. Es gibt Autoren, die schreiben jeden gottverdammten Monat eine Episode und veröffentlichen diese pünktlich.

Es ist stressig. Es ist ein großer kreativer Aufwand, der stetig Selbstdisziplin und Motivation von einem abverlangt. Man kommt nicht weit, wenn man nur dann schreibt, wenn man gerade mal Lust hat. In einem Monat, den manche Autoren für das Veröffentlichen einer Episode haben, muss der Teil geschrieben, überarbeitet, lektoriert und korrigiert, Cover besprochen und erstellt, ein Buchsatz will angelegt und Marketingideen ausgedacht werden.

Alles innerhalb von durchschnittlich 30 Tagen. Das ist nicht viel Zeit. Denn die Leser verzeihen einen ausfallenden Teil oder eine Verspätung nur schwer. Sie dulden die kurzen Episoden, weil sie wissen, dass im nächsten Monat bereits die nächste kommt. Man macht sich unbeliebt, wenn man nicht pünktlich – oder wenigstens zeitnah – liefert.

Puh! Das war jetzt doch eine ganze Menge. Wie zu Beginn versprochen, möchte ich euch aber noch eine kleine Rory-Gilmore-Pro-und-Kontra-Liste mit auf den Weg geben, die rein meiner bisherigen Erfahrungen entsprungen ist.

Pro:

  • ein langer all-inklusive-Aufenthalt in der tollen Welt, die man sich zwischen den Buchdeckeln erschaffen hat
  • Entwicklung einer Schreibroutine
  • Aufbau einer treuen & mitfiebernden Leserschaft
  • kontinuierliche Veröffentlichungen, was – bei passender Qualität – zu ebenso kontinuierlichen Einnahmen führen kann

Contra:

  • viele Vorurteile, da Format eher unbekannt im deutschsprachigen Raum
  • regelmäßig anfallende Kosten für Dienstleister (Coverdesigner, Lektorat usw.)
  • (Zeit-)Druck, pünktlich und vor allem zeitnah Folgeteile zu liefern.
  • wenig Raum für andere Schreibprojekte

Noch ein paar letzte Worte: Das Konzept eines Serials ist von Autor zu Autor genauso unterschiedlich, wie der Umfang. Manche erzählen auf 400 Seiten eine High Fantasy Geschichte und andere auf 900. Bei diesem Buchformat gibt es keine festen Regeln oder Grenzen, ab wann eine Serie eben eine Serie ist. Es gibt einen gewissen Aufbau, an dem man sich orientieren sollte, aber wie intensiv und lang jemand seine Geschichte erzählt, wird von Person zu Person unterschiedlich sein. Wichtig, finde ich, ist der Respekt vor der Arbeit dahinter, egal ob es um 60, 100 oder 300 Seiten geht. Mühe und Liebe sowie Zeit und Geld investieren wir alle, wenn es eine gute Qualität haben soll.