Gastbeitrag von Siiri Saunders & Laura Nieland

 

„Wir sind alle Lehrlinge in einem Handwerk, in dem niemand zum Meister wird.“ Ernest Hemingway (1899 – 1961)

Es gibt so viele Bücher auf dieser Welt. Und genauso, wie es unzählige Geschichten gibt, gibt es tausende Wege sie zu schreiben. Eines der polarisierendsten Themen in der Autorenwelt ist sicherlich die Frage nach dem ‚Wie‘. Wie entsteht ein Buch? Die Möglichkeiten von der Buchherstellung bis zur Buchvermarktung waren noch nie so vielfältig wie heute. Es gibt ‚Plotter‘, die bis zum Umfallen den Roman planen, und ‚Pantser‘ (kommt von „pantsen“, frei übersetzt: auf dem Hosenboden sitzen), sogenannte ‚Bauchschreiber‘, die ohne Outline losschreiben.

Der heilige Gral des Autorendaseins

 „Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.“ Voltaire (1694 – 1778)

Dieser Blogbeitrag fand seinen Anfang in einem hitzigen Telefonat. Wir stellten fest, dass es immer noch Autoren gibt, die der Meinung sind, es gebe ‚den heiligen Gral des Autorendaseins‘. Den perfekten Weg von der ersten Idee zum veröffentlichten Manuskript. Ob der nun darin besteht, dass man plottet oder bauchschreibt. Gibt es da wirklich den besten Weg? Hier teilen sich die Meinungen fast bis ins Unendliche. Warum das alles so ist, ist uns grundlegend egal. Wir wollen nur aufräumen.

Plotter

Vom Graus und der Freude, ein Plotter zu sein.

Beginnen wir beim Plotten. Es gibt Autoren, die ihre Idee, sagen wir, es dreht sich hier um einen Roman, komplett durchplanen. Sie umreißen die Geschichte und arbeiten sich detailliert immer weiter vor, sodass sie – bevor sie ein einziges echtes Wort für das Manuskript geschrieben haben – jede Szene durchgeplant wurde. Natürlich gibt es auch hier Unterschiede. Betrachten wir die Meinung einer Plotterin.Plotter Pantser

Siiri: „Ich schreibe jede kleine Idee auf. Wenn mir eine Idee kommt und sie entflammt etwas in mir, dann wird sie aufgeschrieben. Mitten in der Nacht, bei der Arbeit. Überall. Ständig. Gute Ideen bleiben nicht einfach so … Man muss sie schon festhalten. Wenn eine Idee mich so sehr packt, dass ich sie weiterentwickeln will oder einfach, weil sie mich nicht mehr schlafen lässt, erstelle ich vor Entstehung des Manuskripts fleißig Charakterbögen, Biografien und stöbere in Tagebüchern meiner Protagonisten (die ich natürlich selbst schreibe – das ist Teil des Entstehungsprozesses, des Plottens). Ich lebe mit den Figuren, höre sie nachts schnarchen, esse mit ihnen an einem Tisch, manchmal auch am Boden und erlebe sie, bevor ich etwas geschrieben habe.

Die 7-Punkt-Struktur

All das hilft mir, eine detailliertere Idee meiner Figuren, des Settings und der Konflikte zu bekommen. Die Konflikte sind mein Schlüssel zur Handlung, denn wenn meine Figuren sich stets einig sind und auch kein auslösendes Ereignis um die Ecke kommt, dann haben wir ein Problem – nämlich keinen Plot. Nichts, was wir leben und somit aufschreiben könnten. Was ich auch mindestens schon in der Tasche habe, ist die mehr oder weniger detaillierte Struktur des Romans, damit ich weiß, was wann passieren wird. Dabei arbeite ich mich an der 7-Punkt-Struktur entlang. Sie beschreibt sieben Momente im Leben des Protagonisten, die ich definitiv vorgeplant haben möchte, allerdings kenne ich meinen Prota an diesem Punkt durch die Vorarbeit meistens schon so gut, dass ich weiß, wie er handeln würde. Manchmal hindert ihn das trotzdem nicht, einfach mal links, anstatt rechts abzubiegen. Dann plotte ich gegebenenfalls nochmal um. Oft habe ich Szenenfetzen im Kopf, die ich ebenfalls notiere, die ein oder andere mit verschiedenen Ausgängen, wenn sie sich bieten, denn egal, wie viel ich plane: Es muss aus meinen Charakteren heraus passieren! Und dann geht´s los. Ich schreibe die ersten Kapitel. Irgendwann merke ich, dass mir Informationen fehlen, doch anstatt die Protagonisten fröhlich durch die Welt spazieren zu lassen, greife ich erneut zu Stift und Papier und plotte weiter – dazu gehe ich verschiedene Szenen im Kopf durch und schaue mir an, welche am ergiebigsten ist. Dabei überlege ich, was hier in Bezug auf Spannung, Thema, Konflikte etc. am sinnvollsten wäre. Ich frage mich, was als Nächstes dargestellt werden sollte, damit der rote Faden nicht verloren geht. Spannung, Liebe/Freundschaft, Streit?

Das Risiko des Planens

Ein Risiko des vielen Planens ist, denke ich, dass man die Kreativität verlieren kann. Wenn man die Filme im Kopf nicht mehr ablaufen lassen kann oder die Figur unbedingt in eine bestimmte Form pressen will, hat man ein Problem. Der Inhalt wird sperrig und leblos. Das will keiner lesen, geschweige denn erleben, oder? Im schlimmsten Fall wird es ein Flop – aber dafür geplant.“ Ganz anders dagegen Laura.

Laura: „Plotten fühlt sich für mich an, als würde man seine Kreativität einsperren, während man seine Protagonisten in diese Welt hinausschickt, ohne sie wirklich leben zu lassen.“

Pantser

Vom Graus und der Freude, ein Pantser zu sein.

Laura: „Während Siiri eine überzeugte Plotterin ist, habe ich mich bis heute dem Pantsen zugewandt. Ich wünschte plotten zu können, denn ich glaube, dass man sich damit jede Menge Arbeit, die oft im Nachhinein folgt, ersparen kann. Natürlich gibt es auch beim Pantsen verschiedene Herangehensweisen. Ich persönlich starte mit der Idee. Für mich sind Ideen wie kleine Parasiten. Sie setzen sich in meinem Hirn fest. Ich schreibe sie nicht auf. Ist es eine gute Idee, bleibt sie, wenn nicht, verschwindet sie irgendwann in den Tiefen meines Unterbewusstseins. Schafft sie es, sich über Tage oder Wochen festzusaugen, beginnt ein Film in meinem Kopf. Ich sehe Szenenabschnitte. Sie sind nicht immer zusammenhängend, können aus der Mitte, dem Ende oder dem Anfang des Buches stammen. Je mehr ich mich in meinem Kopf mit einer Idee auseinandersetze, desto mehr entsteht ein meist lückenhaftes Bild über Schauplätze, Personen, Fähigkeiten, etc.“

Eine Idee, die lichterloh brennt

„Alles, was ich zum Schreiben eines Buches brauche, ist Folgendes: Eine Idee, die lichterloh in mir brennt, ein Bild der Protagonisten, eine Vorstellung vom Anfang und vom Ende, wobei ich mir selbst das häufig offen lasse. Wenn ich eine Geschichte anfange, weiß ich nicht, ob sie gut oder schlecht ausgehen wird. Mit diesen Dingen in meinem Kopf schreibe ich los. Das einzige, was ich eventuell plane sind die darauffolgenden Szenen, um meine Gedanken zu sortieren. Allerdings geschieht dies auch nur in groben Stichpunkten. Manchmal weiß ich auch noch gar nicht, wohin mich der Weg führt. Go with the flow. Es ist, als schlüpfte ich in die Hülle meines Protagonisten/meiner Protagonistin. Wenn ich beginne zu schreiben entwickelt sich in diesem Entstehungsprozess eine ganze Welt. Je mehr ich schreibe, desto mehr Ideen bekomme ich. Risiken? Die gibt es!“

Plotter oder Pantser - Buch schreiben

Das Loch in der Geschichte

„Oftmals schreibe ich mich in Sackgassen, in denen ich mich dann stundenlang im Kreis drehe. Ich lösche Worte, die ich den Abend zuvor über Stunden mühsam in die Tastatur gehauen habe. Als ich die Rohfassung meines Romans abgeschlossen hatte, zierten viele Plotholes (wörtlich: „Loch in der Geschichte“) mein Manuskript. Um sie zu stopfen, musste ich oft umschreiben. Denn der Begriff Pantser ist mehr als zutreffend: Ist der Inhalt des Romans kompliziert (mein Debüt beschäftigt sich teilweise mit Zeitreisen) verbringt man Stunden auf dem Hosenboden. Ich stand nicht nur einmal an der Klippe des Wahnsinnigwerdens. Jetzt denkst du dir wahrscheinlich: Warum tut man sich das an? Vielleicht, weil wir Autoren ein kleines bisschen masochistisch veranlagt sind? Wobei ich bestimmt diesbezüglich für jeden Bauchschreiber spreche, wenn ich sage: Es ist ein grandioses Gefühl, wenn man zurückblickt und sieht, wie man aus einem Rohdiamanten einen Brillanten geschliffen hat. Für’s Pantsen sollte man aber einen wesentlichen Charakterzug verfügen: Durchhaltevermögen. Ja, ich weiß, jeder Autor braucht das, aber der Pantser braucht eine große Portion mehr davon. Ohne diese Fähigkeit geht ihm früher oder später die Puste aus und das Schlimmste, was dann passieren kann, ist, dass er sein Manuskript in die Schublade wirft und es nie wieder anrührt.“

Siiri: „Pantsen ist für mich eine niemals endende Reise, an einen Ort, den ich niemals finden werde.“

Viele Wege führen nach Rom

… und manche zum guten Buch.

Wie du siehst, es geht so oder so. Jeder Mensch ist unterschiedlich und genauso, wie Siiri niemals jede Szene detailliert durchplanen würde – es fühlt sich für sie an, als würde sie ihren Figuren den Atem und die Entscheidungen nehmen – genauso wenig würde Laura auf die Idee kommen, weniger zu schreiben und dafür mehr zu planen. Und ist das nun falsch? Nein, es ist einfach unser beider Weg. Obendrein schließt natürlich auch das eine das andere nicht aus.

Siiri: „Ich habe mich mittlerweile an Kurzgeschichten gewagt, von denen ich nur zwei bis drei Sätze Inhalt und Charakter kannte. Die habe ich mir, wie gewohnt, aufgeschrieben und dann sofort angefangen zu schreiben. Es begann ganz gut, doch bereits nach einer Seite fehlten mir die ersten Informationen. Wo waren sie denn bloß? Ich war genervt. Ich nahm mir Stift und Papier und plottete die Geschichte weiter. Tadaaa, ich war eine Erfahrung reicher.“

Laura: „Ich habe mich durchaus daran versucht zu plotten. Denn es ist anstrengend, dem Roman im Anschluss eine sinnige Struktur zu verleihen. Das Plotten fühlt sich für mich an, als würde man mich in einen Raum sperren. Ich fühle mich eingeengt. Malt man mir einen Weg vor (auch, wenn ich das selbst tue) ist es, als würde man mir Scheuklappen aufsetzen. Es kastriert meine Kreativität, blockiert mich.“

Akzeptieren statt Lenken

Lustig wird es übrigens, wenn wir versuchen, uns gegenseitig aus einer Schreibblockade zu holen. Da fallen Tipps ohne Ende und wir sind jeweils hochmotiviert, die andere aus dem Loch zu holen. Aber um ehrlich zu sein, wir können mit unseren gut gemeinten Schreibtipps nie etwas anfangen. Wir könnten auch Chinesisch miteinander reden, es käme wohl auf dasselbe hinaus. Doch wie funktioniert es dann, dass wir so gute, absolut unverzichtbare Schreibbuddys geworden sind? Wir akzeptieren unsere gegensätzliche Art. Vielleicht helfen viele Tipps nicht weiter, so liebevoll sie auch gemeint sind, doch die Wärme, die in den Worten liegt, die Motivation und die absolute Gewissheit, dass das Gegenüber weiterschreiben wird und soll, weil der Welt sonst etwas fehlen würde, holen aus solchen Problemen heraus.

Fazit

„Das Ziel des Schreibens ist es, andere sehen zu machen.“ Joseph Conrad (1857 – 1924)

Was hat uns diese Zusammenarbeit und Freundschaft gezeigt? Es geht nicht darum, dass man stets auf einer Wellenlänge ist, es geht einzig und allein darum, den anderen zu akzeptieren und zu hören, zu spüren, was er oder sie einem zu sagen hat. Dabei ist es völlig egal, wie dein Schreibbuddy schreibt, wo er oder sie veröffentlicht oder welche Eigenheiten sich in der Person verstecken. Es geht einzig und allein um Akzeptanz, Verständnis und So-sein-lassen.

Siiri: „Niemand von uns hält den heiligen Gral, es gibt weder die Art zu schreiben noch die Art zu leben. Sehen wir die Autorengemeinschaft als eine große, weite Welt voller bunter und verschiedendenkender Menschen, die miteinander ein großes Ziel verfolgen und somit eine Gemeinschaft bilden. Letzten Endes sind wir wie unsere große, weite Welt und müssen einfach verstehen und anerkennen, dass es viele Wege gibt, um zum gleichen Ziel zu kommen. Es ist in Ordnung, lasst eure Charaktere atmen. Wie sie das tun, ist völlig egal. Hauptsache, später ist es professionell und du kannst dahinter stehen.“

Der individuelle Weg zum Manuskript

Laura: „Schreiben ist ein wundervolles Handwerk und die #writingcommunity ist ein toller Ort, um sich darüber auszutauschen. Es gibt so viele individuelle Wege zum fertigen Manuskript. Jeder muss für sich den richtigen Weg finden und jeder sollte sich auch ausprobieren (dürfen). Es gibt nicht den einen Weg, aber für jeden Autor/jede Autorin gibt es den richtigen Weg. Das Wichtigste ist, dass man eine Methode findet, mit der man sich wohl fühlt, eine Methode, mit der man seine Kreativität ausleben kann, mit der das Schreiben Spaß macht. Man sagt ja oft, dass der Weg das Ziel ist, aber beim Schreiben ist das Ziel, ein Buch fertigzustellen. Wie du das machst, sei dir überlassen.“ 

„Das Schreiben gleicht einer Reise in ein unbekanntes Wunderland, bei der du den Weg nehmen solltest, der sich richtig für dich anfühlt. Als würdest du fliegen.“ Siiri Saunders & Laura Nieland (2019)


Laura Nieland, 1992 geboren, schreibt seit jungen Jahren leidenschaftlich gern Geschichten. Momentan arbeitet sie an ihrem Debütroman. Sie durfte bereits einige Kurzgeschichten und Blogartikel veröffentlichen. Auf Instagram ist sie unter laura_schreibt zu finden.

Siiri Saunders
Siiri Saunders

Siiri Saunders schreibt, weil es sie beflügelt. Es ist für sei ein unersetzliches Gefühl, mit fremden Wesen auf die Reise zu gehen, sie kennenzulernen, sie durch dick und dünn zu begleiten, mit ihnen zu wachsen, zu lachen, zu leiden. Mehr zu ihr gibt es auf Instagram.